Gewindedichtmittel
Gewindedichtmittel, umgangssprachlich auch Schraubensicherung oder anaerobe Klebstoffe genannt, ist ein spezielles chemisches Präparat, dessen Hauptaufgabe es ist, Schraubverbindungen vor dem selbstständigen Lösen durch Vibrationen zu schützen.
Was ist Gewindedichtmittel?
Gewindedichtmittel ist ein flüssiger oder halbflüssiger anaerober (sauerstofffreier) Klebstoff. Das bedeutet, dass sein Aushärtungsprozess (Polymerisation) erst nach dem Entzug von Luft und gleichzeitigem Kontakt mit metallischen Oberflächen beginnt, also genau in dem Moment, in dem zwei Gewindeelemente miteinander verschraubt werden. Nach dem Aushärten bildet es eine harte, polymere Struktur, die mikroskopische Spalte im Gewinde füllt. Dadurch sichert es nicht nur die Schraube vor dem Lösen, sondern dichtet auch die Verbindung ab und schützt sie vor Korrosion und Flüssigkeitslecks.
Was bedeuten Normen und Spezifikationen?
Im Gegensatz zu Ölen oder Bremsflüssigkeiten haben Gewindedichtmittel keine Standardnormen wie API oder JASO. Ihre Schlüsselparameter, die als Spezifikationen dienen, sind die Klebkraft, Viskosität und Temperaturbeständigkeit. Die wichtigste und am häufigsten anzutreffende Unterscheidung ist die Festigkeit, die von den Herstellern farblich gekennzeichnet wird:
- Geringe Festigkeit (meist violett): Für kleine Schrauben (unter M6) bestimmt, die häufige Einstellungen oder Demontagen erfordern. Schützt vor Vibrationen, ermöglicht aber ein leichtes Lösen mit normalen Handwerkzeugen.
- Mittlere Festigkeit (meist blau): Dies ist das universellste und am häufigsten verwendete Gewindedichtmittel bei Motorrädern. Ideal für Schrauben von M6 bis M20, z.B. zur Befestigung von Bremssätteln, Motordeckeln oder Fahrwerksteilen. Es sorgt für eine solide Verbindung, die mit Standardwerkzeugen demontiert werden kann.
- Hohe Festigkeit (meist rot): Wird für permanente oder extrem belastete Verbindungen verwendet, die nicht regelmäßig demontiert werden sollen (z.B. Stehbolzen im Motorblock). Zum Lösen ist meist ein Erhitzen der Verbindung auf ca. 250°C erforderlich.
- Kapillar / für vormontierte Verbindungen (meist grün): Ein sehr seltenes Präparat mit geringer Viskosität, das zum Sichern bereits montierter Schrauben bestimmt ist. Dank seiner kapillaren Eigenschaften dringt es selbstständig in die Gewindespalt ein.
Wie und wann wird Gewindedichtmittel verwendet?
Gewindedichtmittel verwenden wir überall dort, wo es der Motorradhersteller empfiehlt (Informationen dazu finden Sie im Servicehandbuch) und an allen kritischen Schraubverbindungen, die Vibrationen ausgesetzt sind. Typische Stellen sind Schrauben zur Befestigung von Bremssätteln, Bremsscheiben, Ritzeln, Stoßdämpfern oder Rahmenteilen. Die Anwendung ist einfach, erfordert aber Sorgfalt:
- Oberflächenvorbereitung: Dies ist der wichtigste Schritt. Das Außengewinde (Schraube) und das Innengewinde (Loch) müssen absolut sauber und fettfrei sein. Verwenden Sie Bremsenreiniger oder ein spezielles Reinigungsmittel und warten Sie, bis es verdunstet ist.
- Anwendung: Tragen Sie ein oder zwei Tropfen des Gewindedichtmittels auf den Anfang des Schraubengewindes auf. Es ist nicht notwendig, das gesamte Gewinde zu bedecken – beim Eindrehen verteilt sich das Präparat gleichmäßig.
- Montage: Direkt nach dem Auftragen des Klebstoffs die Teile verschrauben und mit einem Drehmomentschlüssel mit dem vom Hersteller angegebenen Drehmoment anziehen.
- Aushärtung: Lassen Sie die Verbindung zur Vorhärtung (normalerweise 15-30 Minuten) stehen; die volle mechanische Festigkeit erreicht der Klebstoff in der Regel nach 24 Stunden.
Gewindedichtmittel wird nicht "gewechselt". Wenn Sie eine damit gesicherte Verbindung demontieren, müssen Sie die Reste des alten, ausgehärteten Präparats von beiden Gewinden (z.B. mit einer Drahtbürste) gründlich entfernen, bevor Sie es mit einer neuen Portion Klebstoff wieder montieren.
Wie wähle ich das richtige Gewindedichtmittel für mein Motorrad aus?
Die primäre Informationsquelle ist immer das Servicehandbuch Ihres Motorrads. Dort finden Sie genaue Anweisungen, welche Schrauben gesichert werden müssen und welche Art von Präparat zu verwenden ist. Wenn Sie keinen Zugang zum Servicehandbuch haben, können Sie sich an allgemeinen Regeln orientieren:
- Blau (mittlere Festigkeit) ist Ihre Wahl in 90% der Fälle. Es ist eine sichere und effektive Option für die meisten Verbindungen am Motorrad, die in Zukunft möglicherweise demontiert werden müssen.
- Rot (hohe Festigkeit) sollten Sie nur verwenden, wenn Sie absolut sicher sind, dass der Hersteller dies empfiehlt. Die Verwendung "vorsichtshalber" an einer Stelle, wo Blau erforderlich ist, kann beim Versuch der Demontage zum Abreißen der Schraube oder zur Beschädigung des Gewindes führen.
- Violett (geringe Festigkeit) eignet sich für kleine Schrauben an Vergasern, Lenkeranbauteilen oder Verkleidungen, die sich gerne lösen, aber leicht zu entfernen sein müssen.
Fehler und Mythen
Mythos: "Je mehr Klebstoff, desto besser hält es."
Falsch. Überschüssiges Präparat wird aus dem Gewinde gedrückt und hinterlässt ein unästhetisches Durcheinander. Schlimmer noch, in einem Sackloch kann es eine sogenannte hydraulische Blockade verursachen, die ein vollständiges Anziehen der Schraube verhindert. Ein Tropfen genügt.
Mythos: "Man kann es auf schmutzige, verölte Gewinde auftragen."
Dies ist die häufigste Ursache für die Ineffektivität von Gewindedichtmitteln. Anaerobe Klebstoffe benötigen für eine ordnungsgemäße Aushärtung sauberes Metall. Fett und Schmutz blockieren die chemische Reaktion effektiv.
Mythos: "Rot ist das Beste, weil es am stärksten ist."
Das ist ein gefährlicher Gedanke. Der beste Klebstoff ist der, der für die Anwendung richtig ausgewählt wurde. Die Verwendung von rotem Gewindedichtmittel an Bremssattelschrauben könnte Sie dazu zwingen, beim nächsten Bremsbelagwechsel einen Brenner zu verwenden, was extrem gefährlich ist.
Mythos: "Gewindekleber ist dasselbe wie Kupferpaste."
Absolut nicht. Das sind zwei Präparate mit gegenteiliger Wirkung. Der Klebstoff soll die Verbindung blockieren und abdichten. Schmiermittel (Kupfer, Keramik) sollen das Festfressen verhindern und die Demontage erleichtern. Niemals zusammen auf demselben Gewinde verwenden.